Die Kinderfuß Operation
- eine wirklich notwendige Operation?

Kinderfüße haben heute in der zivilisierten Welt kaum noch die Chance, so normal wachsen zu können, wie es die Evolution des Menschen vorgegeben hat. Das ist allgemein bekannt und soll hier an dieser Stelle auch nicht weiter vertieft werden.
Fakt ist aber, dass heute rund 70% - 75% (je nach Wohngegend) der erst 12-13 Jährigen Kinder Fuß- und Gangstatikprobleme haben, die eigentlich vermeidbar wären. Die meisten dieser Fußprobleme bleiben oft unerkannt oder werden überhaupt nicht therapiert,- bis es dann zum echten Problem wird....

Fakt ist ebenfalls, dass die Füße das Fundament des Körpers sind und dass ein Wachsen von gesunden und geraden Beinen nur dann möglich ist, wenn die Füße fest und gerade gehen und stehen! Leider bedenken viele Eltern und sogar Kinderärzte diesen ganz wichtigen Aspekt nicht und deshalb sieht  man so viele Kinder, die entweder ein abnormales Gangbild zeigen und/oder krumme Beine haben,- etwa Kinder mit Knickfüßen X-Beine.


Früher fand in Deutschland schon vor der Einschulung die erste Fußuntersuchung statt, die dann jährlich wiederholt worden ist. Zwar war das nur eine Kurzuntersuchung (zuletzt von mehr weniger kompetenten Ärzten), aber immerhin wurde den Kindern gesagt, was nicht in Ordnung ist und das die Eltern sich kümmern sollen. Einige ältere Leser werden das noch aus der eigenen Jugend kennen.

Richtig Hochkonjuktur hatte die gesundheitliche Vorsorge für den Körper von Kindern und Jugendlichen in den frühen 1930ér Jahren. Insbesondere die Füße standen ganz oben auf dem Plan der Entwicklung und Gesunderhaltung. Der Grund dafür ist sicher jedermann klar,- es wurden damals gesunde und kräftige Menschen gebraucht, die später ganz weit und beschwerdenfrei Laufen können.
Der Fußfürsorger war damals ein sehr hoch gelobter Berufsstand. Von der Untersuchung bis hin zur Gymnastik und sofern erforderlich, auch den Einlagen, gab es alles aus einer Hand und anders wie heute, wurde jeder einzelne Fuß ganz individuell behandelt und meist auch bis zum Ende des Wachstums von nur einer Person betreut. Mißverständnisse waren somit ausgeschlossen.


Der Fußfürsorger Carl Birkenstock (Gründer der einst hervorragenden Birkenstock Orthopädie) erfand in den 1930ér Jahren die revulutionäre Plexidur Einlage, die dem Therapeuten und selbstverständlich auch dem Patienten ganz neue Möglichkeiten geboten hatte.
Diese Einlagen sollten die sonst üblichen Metall- Einlagen ablösen, die man nur mit besonderem Geschick und sehr viel Zeitaufwand herstellen konnte.
Die Plexidur Einlagen hatten die Eigenschaft, dass sie im Fußgewölbe noch besser nachfedern konnten, wie die sonst üblichen Einlagen aus Edelstahl. Ziel war es, die Fußgewölbe optimal zu stützen und dabei die Federung einer intakten Fußmuskulatur bei gesunden Bändern und Sehnen zu gewährleisten, auch wenn die ohne Einlagen überhaupt nicht (mehr) gegeben war.
Kurz nach den ersten Einlagen dieser Art wurde die Schaleneinlage aus Plexidur erfunden, die selbst den hartnäckigsten Knickfuß in die optimale Form gezwungen hat und damit einer gesunden Entwicklung von Füßen und Beinen nichts mehr im Wege stand. Nach wenigen Jahren konnten die betroffenen Kinder dann auf die normalen Einlagen umsteigen, bis sie später überhaupt keine Einlagen mehr benötigten.



Plexidur Einlagen bestehen aus einem durchsichtigen, Schweißbeständigem Kunststoff.
Die ersten Plexidur- Einlagen waren leicht gelblich  klar, später gab es sie auch in anderen Farben, damit sie nicht vergessen wurde, sie in die Schuhe zu legen.

Der 2. Weltkrieg und der Rüstungswahn hatte zur Folge, dass das hochwertige Plexidur für die Rüstungsindustrie beschlagnahmt wurde. Statt Einlagen wurden daraus Fenster für Flugzeuge und Schiffe gebaut,- Plexidur ist widerstandsfähiger und wesentlich leichter als Glas.


Nach dem Krieg dauerte es eine Zeit lang, bis diese Plexidureinlagen, die man nebenstehend auf dem Bild sieht, wieder Einzug in die Fußorthopädie erhielten.
In den 1960ér Jahren legte man wieder mehr Wert auf die Gesundheit der Kinder.
Wenn ich an meine eigene Grundschulzeit (ab 1968) zurück denke, dann fällt mir ein, dass jede/r  4. -5. Mitschüler/in Einlagen hatte, die meisten hatten (wie ich) die Plexidureinlagen, wenige Metalleinlagen.
Später, ab Mitte bis Ende der 70ér Jahre sah man immer mehr Kork- Leder Einlagen, die zwar nicht so hilfreich waren, aber wesentlich billiger.
Solche Einlagen wollten dann mehrere von uns Schüler haben, weil sie im Schuh nicht so glänzden. Aber weil dann die Schuhauswahl zu sehr eingegrenzt worden ist und die Lederbezüge nach einigen Wochen nicht mehr so schön aussahen, sind einige wieder auf die guten, alten Plexis umgestiegen. Nur wurde es ab den 90érn immer schwieriger, Plexidureinlagen zu bekommen. Die mussten wahrscheinlich wegen der hervorragenden Wirkung vom Markt genommen werden... -???-


Einlagen aus Edelstahl verwendet man heute eigentlich nur noch für Menschen, die etwas zu viel wiegen und recht starke Senkfüße haben oder auch schlankere, die echte Plattfüße haben

Vorteil der V2a Einlagen ist die extrem dünne Materialstärke, die es sogar Menschen mit einem sehr fleischigen Fuß ermöglichen, moderne Schuhe zu tragen.
Für einfache Senkfüße sind heute Kunststoff- Einlagen dank hochwertiger Materialien besser geeignet.
Heute ist der Beruf des Fußfürsorgers ausgestorben,- vieleicht gibt es vereinzelnd noch wenige, die zumindest nach der alten Tradition arbeiten.
In der Regel führen aber heute Fachärzte für Orthopädie die Untersuchung durch, wenn auch nur die wenigsten Orthopäden auf junge Füße spezialisiert sind,- zur Physiotherapie und zur Einlagenversorgung wird man weiter geschickt. Hierzu ist anzumerken, dass Fußgymnastik täglich verrichtet werden muss und nicht nur 2x für 10 Sitzungen pro Quartal (gute Physiotherapeuten studieren deshalb die Übungen für zuhause ein)!
Einlagen beschaffen sich die Leute heute am liebsten in schönen und hellen Sanitätshäusern. Nur die wenigsten Patienten und Eltern ahnen, dass die meisten der heute weiter gereichten Einlagen überhaupt nicht individuell angefertig worden sind,- steht auf dem Rezept "ein paar Einlagen nach Maß" müssen sie auch nicht individuell sein (so entschied das OLG Düsseldorf). Nur wenn auf dem Rezept "Maßeinlagen" steht, ist eine individuelle Anfertigung notwendig,- aber das würde zu hohe Kosten nach sich ziehen....





Die Gesundheitsreform(en) und ihre oft zu bösen Folgen für unsere Kinder und Erwachsene

Seit 2008/2009 musste ich in meiner Praxis immer häufiger hören und sehen, dass Kinder eine Einweisung in die Klink zwecks Fuß- Operationen bekommen. Die Tendenz ist nach wie vor steigend!

Selbstverständlich bin ich stets über die neuen Entwicklungen im Bereich Fußgesundheit etc. informiert,- oft brach es mir das Herz, wenn Eltern zu mir kamen und die OP bereits gelaufen ist.
Eigentlich ist es logisch und nachvollziehbar, dass man die Ursache für den Fußverfall oder des Einknickens überhaupt nicht wegoperieren kann. Ebenso ist klar, dass das zweitwichtigste Wunderwerk der Evulution, der Fuß, alle seine Knochen, Bänder, Sehnen und Muskelstränge braucht, um uns ein Leben lang so laufen lassen zu können, wie es der Körper braucht.

Knickfüße versteift man heute gerne mit einer Fersenschraube, die von unten in den Fuß geschraubt wird.
Senkfüße und Plattfüße werden seitlich geklammert,- dabei werden die Mittelfußknochen zusammen getackert, damit sie nicht mehr einsinken können.
Die Fußmuskulatur wird dadurch in vielen Bereichen "arbeitslos" und Muskeln, die nicht mehr beansprucht werden, bilden sich zurück,- (das hat jeder, der schon mal einen Bruch o.ä. hatte, selbst festgestellt).

Die Vorhergehensweise bei derartigen Fußoperationen ist eigentlich immer gleich. Zuerst werden Einlagen "nach Maß" verschrieben, die nicht wirklich hilfreich sind. Beim Knickfuß z.B. führen Weichschaumeinlagen oder unverstärkte Korkeinlagen oft dazu, dass die Füße noch stärker einknicken!

Dann kommt "als letzter Ausweg" die Operation.
Hierbei behält man aber nur die Füße im Blick und nicht etwa, wie sich ein Kind fühlt, wenn es sechs Monate lang nicht am Schulsport teilnehmen kann und sich von der Bank aus anschauen muss, wie die Mitschüler ihren Sport betreiben.
Hänseleien sind dann oft an der Tagesordnung,- Humpelfuß und Plattfußindianer sind hierbei dann die nettesten Begriffe!

In meiner Praxis hatte ich solch einen Fall. Ein Dreizehnjähriger Junge, der nach der steilen Grundschulkarriere auf´s Gymnasium konnte, ein Junge, der sportlich beim Tennis und Rudern sehr aktiv gewesen ist, bis er mit 11 Jahren an den Füßen operiert wurde und fortan in der Schule nur noch gehänselt worden ist. Kinder können sehr grausam sein,- dem Jungen brachten die Späße der anderen Schüler schwere Depressionen ein, er wollte nicht mehr in die Schule und hatte sogar mit dem Rudern aufgehört.
Nachdem die Schrauben und Klammern aus den Knick- Senkfüßen entfernt worden sind, ließen die Eltern keine neuen, größeren Metallstücke mehr in die Füße einbauen und kamen stattdessen zu mir.
Der Junge hatte derartige Schmerzen bei jedem Schritt, so dass er mir so leid tat und ich ihm Samstags Nachts noch die ersten Einlagen gemacht hatte, die er Sonntags abgeholt hatte. Die brachten sofort Linderung,- auch wenn die erst nur provisiorisch waren.
Kurze Zeit später bekam dieser Junge dann Vollkorrektureinlagen, die den Fuß wirklich komplett von außen versteift haben. So konnten die Wunden gut heilen.
Später begannen wir dann mit dem üblichen Programm für starke Knick- Plattfüße. Dazu gehören zuerst Vollkorrektureinlagen, die später, wenn der Plattfuß zum Senkfuß abgewandelt ist, nach und nach durch andere Einlagen ersetzt werden.
Zum Schluss gibt es dann weniger stark stützende Einlagen, die schwächere Supinationskeile haben und so langsam die Fußmuskeln auf sich stellen.

Von der reinen Logik und dem betriebswirtschaftlichen Denken her, sollten doch die Krankenkassen lieber einmal 1.000,--€ in die ordentliche Einlagentherapie investieren, anstatt mehrere Tausend Euro in unsinnige Operationen.
Behält man den gesamten Lebensweg des jungen Patienten im Blick, dann wird einem doch klar, dass gesunde und kräftige Füße auch im Berufsalltag mehr taugen, als schlappe und kranke Füße und Knie....

Mutmaßungen über das Warum der heute fiesen Praktiken mit dem Kostenfaktor und Gewinneinbringer Patient darf ich öffentlich nicht äußern.
Aber das wir in Deutschland keine neue Gesundheitsreform brauchen, sondern das gesamte kranke und überbürokratisierte Gesundheitssystem auf einen 0- Start zurück drehen sollten, findet sicher auch Ihre Zustimmung. Der Patient benötigt gute und kompetente Hilfe und keine maßlos übertriebene Bürokratie, die nur dafür da ist, unnötige Posten zu beschaffen und zu erhalten!


Ihr Andreas Herr

Ein freundlicher Junge, der nach der erfolglosen OP wieder froher Hoffnung war

Ganz unsichtbar konnten die neuen Vollkorrektureinlagen nicht gemacht werden,- aber der Junge konnte damit schmerzfrei gehen und stehen und nur sechs Wochen später spielte er wieder Tennis (natürlich mit speziellen Sporteinlagen in den Schuhen).

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